E 1 - Entwicklung der räumlichen Struktur

E 1.6 - Zentrale Orte, zentralörtliche Funktionen, Standorte mit besonderen Funktionen

E 1.6.01 und E 1.6.03

Das hierarchische System der Zentralen Orte bildet das Rückgrat der polyzentrischen Raum- und Siedlungsstruktur in Deutschland. In § 2 Abs.2 Nr. 2 des neuen, am 1.Januar 1998 in Kraft getretenen Raumordnungsgesetzes des Bundes (ROG), ist der Planungsgrundsatz der Ausrichtung der Siedlungstätigkeit auf ein „System leistungsfähiger Zentraler Orte“ auch gesetzlich verankert (siehe auch C und D 1.5.03).

Ein Zentraler Ort ist definiert als „eine Gemeinde bzw. ein Ortsteil, der über die Versorgung der eigenen Bevölkerung hinaus entsprechend seiner jeweiligen Funktion im zentralörtlichen System überörtliche Versorgungsaufgaben für die Bevölkerung seines Verflechtungsbereiches wahrnimmt“ (BBR (Hrsg.) (2000), S.320).

Dementsprechend sollen in den Zentralen Orten soziale, kulturelle, wirtschaftliche und administrative Einrichtungen (zentrale Einrichtungen) konzentriert werden. Dabei ist es Aufgabe der Grundzentren, zentrale Einrichtungen und Angebote für den allgemeinen, täglichen Grundbedarf bereitzustellen. In den Mittelzentren sind darüber hinaus zentrale Einrichtungen und Angebote für den gehobenen Bedarf vorzuhalten. Oberzentren sollen über die grund- und mittelzentralen Einrichtungen hinaus Angebote für den spezialisierten höheren Bedarf anbieten (vgl. LROP Nds., Teil I, B 6. 03).

Die Funktion des Oberzentrums für den Landkreis Schaumburg hat die Landeshauptstadt Hannover. Außerdem liegt der westliche Bereich des Planungsraumes im weiteren zentralen Verflechtungsbereich des aus niedersächsischer Sicht vergleichsweise hochrangig ausgestatteten nordrhein-westfälischen  Mittelzentrums Minden.

Die Ober- und Mittelzentren Niedersachsens sind auf Landesebene abschließend festgesetzt. Die Festlegung der Grundzentren ist auf Regionalebene erfolgt. Im Unterschied zum Landes-Raumordnungsprogramm Niedersachsen (LROP) 1982 - das Grundlage für den Entwurf des Regionalen Raumordnungsprogramms für den Landkreis Schaumburg von 1988 war -, kann die Funktion des Grundzentrums nach dem aktuellen LROP nicht mehr einer gesamten Gemeinde zugewiesen werden, sondern sie ist als Standort räumlich-konkret zu vergeben. Dabei sind die im vorliegenden RROP ausgewiesenen grundzentralen Standorte (Grundzentren) in der Regel ortsteilbezogen abgegrenzt. Die konkrete Abgrenzung des Versorgungskerns im baulichen Zusammenhang obliegt der gemeindlichen Planungshoheit im Rahmen der Bauleitplanung (vgl. LROP Nds. 1994, S.107).

Für die Bestimmung der standörtlichen Grundzentren sind die Ausstattung, die Tragfähigkeit und Erreichbarkeit wichtige Kriterien. Nach dem Prinzip der Dezentralen Konzentration (siehe D und E 1.1.03) ist in jeder politischen Gemeinde des Landkreises ein zentraler Standort ausgewiesen. Damit soll zum einen eine flächendeckende Versorgung in zumutbarer Entfernung sichergestellt werden (dezentral), zum anderen soll aus volkswirtschaftlichen und raumstrukturellen Gründen eine Bündelung von Versorgungseinrichtungen durch Verzicht auf weitere Funktionsvergaben erfolgen (Konzentration).
 Eine Abweichung von diesem Grundsatz kommt nach dem Landes-Raumordnungsprogramm für „großflächige ländliche Gemeinden mit mehreren historisch gewachsenen, voneinander getrennt liegenden Versorgungskernen“ (LROP Nds. 1994, S.108) in Frage. Aus diesen Gründen sind in den Samtgemeinden Rodenberg und Sachsenhagen jeweils zwei grundzentrale Standorte festgelegt (vgl. D und E 1.5.03). Die Ausweisung weiterer Zentraler Orte kommt im Planungsraum unter den genannten Voraussetzungen nicht in Betracht.

Einen Sonderfall bei der zentralörtlichen Festlegung bildet die Samtgemeinde Nienstädt. Sie verfügt über keinen dominanten leistungsfähigen Versorgungsstandort, der die grundzentrale Funktion für das gesamte Samtgemeindegebiet alleine übernehmen könnte. Eine flächendeckende Grundversorgung wird über zwei Versorgungskerne, dem Bereich Nienstädt/Sülbeck und dem Bereich „Bergkrug“ (Schnittstelle der Mitgliedsgemeinden Helpsen, Hespe und Seggebruch) erreicht. Zudem sind die Entwicklungspotenziale beider Versorgungsbereiche aus siedlungsstrukturellen Gründen stark begrenzt. Der Versorgungsstandort Nienstädts ist mit seiner bandartigen Struktur, die sich entlang der überregional bedeutenden Verkehrsachse Bundesstraße B 65 orientiert, in seinen städtebaulichen Möglichkeiten zur Entwicklung eines Zentrums stark eingeschränkt (zumindest solange die Ortsumgehungsplanung noch nicht umgesetzt ist; siehe D 3.6.3.05).

Der Bereich „Bergkrug“ stellt einen Ansatz zur Bildung eines zentralen Versorgungsbereiches im nördlich der Bundesstraße gelegenen Samtgemeindegebiet dar, das durch eine disperse ländliche Siedlungsstruktur der o.g. Mitgliedsgemeinden geprägt ist.

Um einerseits eine flächendeckende Grundversorgung für die Samtgemeinde Nienstädt sicherzustellen und zum anderen weiteren Zersiedelungstendenzen entgegenzuwirken, sollen der Gemeindeteil Nienstädt und der Bereich „Bergkrug“ gemeinsam, im Sinne einer funktionalen Arbeitsteilung, die grundzentrale Funktion für das Samtgemeindegebiet wahrnehmen. Da jeweils in beiden Standorten die zentralörtlichen Einrichtungen bereitgestellt und gesichert werden sollen, sind beide Standorte mit dem Planzeichen „Grundzentrum“ in der Zeichnerischen Darstellung dargestellt.

In der Samtgemeinde Niedernwöhren liegt der Versorgungsstandort im Bereich der Grenze der Mitgliedsgemeinden Meerbeck (Ortsteil Meerbeck) und Niedernwöhren.


E 1.6.04

Die Entwicklung des Einzelhandels ist durch tiefgreifende Umstrukturierungsprozesse gekennzeichnet, die sich aufgrund veränderter großflächiger Betriebstypen und Standortpräferenzen auf die Raum- und Siedlungsstruktur deutlich niederschlagen. Die wesentlichen Merkmale des Entwicklungsprozesses sind

  • eine Konzentration von Angebotsstandorten und
  • eine Vergrößerung von Verkaufsflächen.

Mit diesen Veränderungen geht in der Regel eine Standortbevorzugung an verkehrsgünstig  - insbesondere an regional und überregional bedeutenden Verkehrsachsen - gelegenen, städtebaulich nicht integrierten Standorten „auf der grünen Wiese“ oder in peripher liegenden Gewerbegebieten seitens der Investoren einher.

Diese Entwicklungen stimmen nicht mit den Zielen einer nachhaltigen Raum- und Stadtplanung überein.

Dagegen trägt die Nähe von Einzelhandels- und anderen Versorgungseinrichtungen zum Verbraucher zu einer günstigen Ausnutzung der Infrastruktur bei, verbessert bei einer gleichzeitigen Vermeidung von Verkehr die Erreichbarkeit, dient dem Schutz des Orts- und Landschaftsbildes und trägt zu einem sparsamen Flächenverbrauch bei. Gleichzeitig bezweckt die städtebauliche Integration von Einzelhandelsstandorten die Innenstädte und Gemeindezentren in ihrer Funktionsvielfalt zu erhalten und eine verbrauchernahe Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.

Städtebaulich integriert“ sind Standorte in einem – insbesondere baulich verdichteten – Siedlungszusammenhang mit wesentlichen Wohnanteilen, die Bestandteil eines planerischen Gesamtkonzeptes mit besonderer Berücksichtigung der Aspekte Städtebau, Verkehr sowie Einzelhandel und Dienstleistungen sind. Wesentliches Kennzeichen ist neben einer qualifizierten Anbindung an den ÖPNV auch ein anteiliger fußläufiger Einzugsbereich.

Dem Wettbewerb mit den „großen Anbietern“ können kleinere und mittlere Verkaufseinheiten häufig nicht standhalten. Folglich kommt es oft zu Geschäftsaufgaben in den zentralen Marktbereichen und der „Nahversorger“ im Bereich der Wohngebiete. Dieser Verlust vermindert die Leistungsfähigkeit und Attraktivität der Städte und Gemeinden. „Verödung der Innenstädte“, Verlust an sozialen Funktionen und urbaner Kultur sind die Schlagworte, die einen Teil der negativen Folgen beschreiben. Zum anderen verursachen die Konzentrationsprozesse eine Erhöhung des Verkehrsaufkommens mit zusätzlichen Umweltbelastungen und Versorgungsproblemen immobiler Bevölkerungsgruppen.

Die Frage ist, inwieweit Formen des mobilen Handels und „e-commerce“ auf die Entwicklungen einwirken.

Die Erhaltung der kleineren Lebensmittelgeschäfte mit Nahversorgungsfunktion sollte durch eine Bündelung mit anderen Einrichtungen wie zum Beispiel der Post unterstützt werden.

Hinsichtlich der raumordnerischen und städtebaulichen Auswirkungen von Einzelhandelseinrichtungen ist die Sortimentsstruktur von wesentlicher Bedeutung. Es wird unterschieden zwischen sog. innenstadtrelevanten Sortimenten wie zum Beispiel Schuhen, Bekleidung, Glas und Porzellan oder Spielwaren etc. und Sortimenten ohne bzw. mit nur geringer Innenstadtbedeutung im oben beschriebenen Sinne wie Möbeln, Heimtextilien, Tapeten, Baumaterialien, Fahrzeugen etc..

Bereits 1993 befanden sich bundesweit „ca. ein Sechstel der Verkaufsflächen mit innenstadtrelevanten Sortimenten in Gewerbe- und Industriegebieten entlang von Ausfallstraßen und außerhalb der geschlossenen Bebauung“ (BBR (Hrsg.) (2000), S.144).


Einzelhandelsgroßprojekte sind die in § 11 Abs. 3 Baunutzungsverordnung definierten Einkaufszentren, großflächigen Einzelhandels- und Handelsbetriebe, die sich nach Art, Lage oder Umfang nicht nur unwesentlich auf die Verwirklichung der in den Raumordnungsprogrammen festgelegten Ziele der Raumordnung und Landesplanung auswirken können.

Nach der Rechtssprechung aus den 80er Jahren liegt der Schwellenwert für die Großflächigkeit eines Vorhabens bei ca. 700 qm Verkaufsfläche. Aufgrund der allgemeinen Entwicklung zu größeren Verkaufsflächen ist aus Sicht des Landkreises die Regelvermutungsgrenze für raumordnerisch negative Auswirkungen eines Einzelhandelsvorhabens inzwischen höher anzusetzen, bei ca. 1000 qm Verkaufsfläche.

In der Funktion als Untere Landesplanungsbehörde hat der Landkreis zu prüfen, ob ein geplantes Einzelhandelsgroßprojekt

  • nach Verkaufsfläche und Warensortiment der zentralörtlichen Versorgungsfunktion und dem Verflechtungsbereich des jeweiligen Zentralen Ortes entspricht und
  • ausgeglichene Versorgungsstrukturen und deren Verwirklichung, die Funktionsfähigkeit der Zentralen Orte und integrierter Versorgungsstandorte sowie die verbrauchernahe Versorgung der Bevölkerung nicht wesentlich beeinträchtigt (LROP Nds. Änderung und Ergänzung 2002, neuer Abschnitt C 1.6.03).

Es ist nicht Aufgabe der Raumordnung in marktwirtschaftliche Prozesse einzugreifen, aber sie hat den gesetzlichen Auftrag, auf ausgeglichene Versorgungsstrukturen im Planungsraum hinzuwirken.

Raumordnerisch und städtebaulich problematisch sind Misch-, Gewerbe- und Industriegebiete im Geltungsbereich von Bebauungsplänen, die auf der Baunutzungsverordnung (BauNVO) von 1962 basieren. Denn für diese Bauleitpläne greifen die mit der BauNVO von 1977 eingeführten Restriktionen für die Ansiedlung von großflächigen Einzelhandelsbetrieben in den o.g. Gebieten nicht. Aufgrund dessen ist eine kurzfristige Anpassung solcher Pläne an die aktuellen Rechtsgrundlagen dringend geboten, um raumordnerische und städtebauliche Fehlentwicklungen zu verhindern.

Anhand dieser Problematik wird deutlich, dass den Städten und Gemeinden bei der Steuerung der Einzelhandels- bzw. Zentrenentwicklung eine entscheidende Bedeutung zukommt. Die Gemeinden sollten deshalb für ihren Planungsraum bzw. in Zusammenarbeit mit den Nachbarkommunen Konzepte zur zukünftigen Entwicklung des Einzelhandels erstellen.

Im Zuge der Fortschreibung des LROP Nds. 2002 sind die Festlegungen im Abschnitt C 1.6 zum großflächigen Einzelhandel konkretisiert worden. Zur Schaffung von Planungs- und Investitionssicherheit wurden die Beurteilungsmerkmale von Einzelhandelsgroßprojekten mit dem Ziel präzisiert, die wohnortnahe Versorgung im ganzen Land ebenso zu sichern wie die Attraktivität der Innenstädte als zentrale Handels- und Marktplätze. Für Hersteller-Direktverkaufszentren und vergleichbare Projekte ist neu festgelegt, dass sie wegen der weitreichenden Auswirkungen nur in Oberzentren an städtebaulich integrierten Standorten möglich sind. Die regionalen Zielfestlegungen in D 1.6.04 stehen nicht im Widerspruch zu den differenzierten zusätzlichen Festlegungen im LROP Nds..

Das Land hat mit der Fortschreibung des LROP Nds. 2002 ferner die Festlegung  aufgenommen, dass bei künftigen Standortentscheidungen zu raumbedeutsamen öffentlichen Einrichtungen struktur- und raumordnungspolitische Ziele in die Standortentscheidung einzubeziehen sind und dabei insbesondere dem regionalen Ausgleich zugunsten der ländlichen Räume getragen werden soll (vgl. LROP Nds. Änderung und Ergänzung 2002, neue Ziffer C 1.6.04). Diese Zielaussage wird ausdrücklich begrüßt. Eine nähere Konkretisierung im RROP ist jedoch nicht erforderlich.